Im Spannungsfeld der Gegensätze

Von Marion Diefenbach KULTUR LOKAL Nachdenklich stimmende Ausstellung des Künstlers Rudolf Petzinger im Speicher IDSTEIN - Wer derzeit die erste Treppe in der Idsteiner Kunstgalerie Speicher hinaufgeht, schaut in Gesichter geradezu erschütternder Intensität. Die Nachbarn aus Erbach, die der Bad Camberger Künstler Rudolf Petzinger zwischen 2008 und 2012 in Situationen wie „Fasching“, „Ständchen“ oder „Freunde“ in Ölfarbe und Lack gebannt hat, haben in ihrer fotografischen Präzision unerhörte Ausstrahlung. Er habe dabei „um jeden Schatten, jede Falte“ gekämpft, denn in dieser Phase sei es ihm vorrangig um die Frage gegangen, welche Kraft aufgewandt werden müsse, um zu bestehen, das eigene Ich nicht untergehen zu lassen. Aus dem Leben Wie in seiner Ausstellung „Sehen und Denken entzündet Fantasie“ zu sehen, hat er sich inzwischen Motiven zugewandt, „die alle betreffen“: „Im Pub“ zeigt eine wieder höchst präzise dargestellte Frau mit Getränk im Mittelpunkt, deren Anspannung greifbar zu sein scheint, auf einem nur angedeuteten Sofa in abstraktem Ambiente. Im Kontrast zwischen Abstraktion und Realismus sieht Petzinger die drängenden Fragen unserer Zeit. Geprägt von Hektik und Zufällen, „medialen, ökonomischen, sozialen und politischen Nebelfeldern“, wie er es formuliert, gehe der Mensch umso mehr auf die Suche nach Ruhe und Kontrapunkten, nach sich selbst, so der Künstler. Fast schon verstörend wirken die Gegensätze in „Holla – ein Flieger“. Zwei liegende Frauen mit Kleinkindern setzen dazu an, die Babys „fliegen“ zu lassen: Allerdings ist eine der Frauen nur skizziert, und eines der Kinder hat kein Gesicht. Ähnlich starke Ausdruckskraft hat „Kreisverkehr“, ein großformatiges Werk mit einer Kerze im Mittelpunkt, die in leuchtende Farbkreise gesetzt ist und den Blick magisch anzieht. Für die Suche steht auch das Werk „Die Schnecke“ – der fotografisch wirkende Rosenstrauch und die dicke graue Katze lassen es dem Betrachter zur Aufgabe werden, das eigentliche Motiv klein und halb verdeckt aufzufinden. Einige neuere Werke („Transparenz“ 1-6 oder „Am Fenster“ 1-3) sind ausschließlich abstrakt; neben den Öl-/Lackbildern gibt es auch eine kleine Auswahl von Bleistiftskizzen und Pastellkreidezeichnungen zu sehen. Überall stehen die Fragen im Vordergrund: essenzielle Fragen nach Identität, Wahrheit und Menschlichkeit.

R.Petzender vor seinem Werk

Studium in Frankfurt

Die Vielseitigkeit des 1952 in Dudenhofen/Rodgau geborenen und Malers kann platzbedingt im Speicher nur angedeutet werden. 1971 bis 1975 hat Petzinger nach dem Abschluss einer Lehre als Schaufenstergestalter an der Kunstschule Westend in Frankfurt studiert. Seit 1976 sind seine Werke in Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen im In- und Ausland zu sehen. Zuletzt waren seine Gemälde in Nieuwpoort/Belgien ausgestellt. Im Jahre 1984 erhielt er den Kulturpreis der Stadt Rodgau.

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