Heulender Wolf oder Widder

Sergej Winter rückt im Idsteiner Speicher eigenwillige Schönheiten in den Fokus. Ein Bericht von Carolin Gering. IDSTEIN - „Es gibt keine richtige Art, die Natur zu sehen, es gibt hundert.“ Diese Worte des Schriftstellers Kurt Tucholsky erinnern daran, dass jeder Mensch auf seine eigene, persönliche Weise das Leben um sich herum wahrnimmt. Der aus der Ukraine stammende Künstler Sergej Winter zeigt seit Freitag im Idsteiner Speicher am Wochenende durch seine Kunst, wie er die Natur wahrnimmt und wie er aus verschiedenen Fundstücken aus dem Wald seine Skulpturen und Plastiken herausgearbeitet hat, um die eigenwillige Schönheit seiner Naturschätze zu unterstreichen.

Ballerina

Spiegelung auf dem Wasser

Seine Fotografien zeigen allesamt Spiegelungen auf einer Wasseroberfläche, die meistens von Teichen im Frankfurter Stadtwald stammen. „An diesen Orten gehen täglich so viele Menschen vorbei“, erklärte Sergej Winter. „Es ist nichts Exotisches an diesen Teichen, und doch entstehen durch das Fotografieren ganz andere Welten.“

Beim Betrachten der Fotografien eröffnen sich dem Betrachter tatsächlich ganz erstaunliche Räume: Wege, Tore, Wände, Abgründe. Das Verhältnis von oben und unten, von innen und außen, von Schein und Authentizität, all dies verformt sich auf rätselhafte Weise in den Bildern Sergej Winters, die aus einfachen Wasseroberflächen entstanden. Dass Sergej Winter die Natur als Ausgangspunkt seiner Arbeiten nutzt, ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass er bereits viele Jahre als Ornithologe tätig war und sein Spezialgebiet in der Kranichforschung fand.

Lebendiger Blick

Mit dem präzisen, lebendigen Blick eines Forschers sucht Sergej Winter auch sein Material aus; krummer Wuchs in Zweigen und Ästen, die Gestalten andeuten, Pilzbefall an alten Baumstämmen, der bunten Bildern ähnelt, Insektenfraßspuren, die wie Schriftzeichen aussehen.

Die Skulpturen Sergej Winters wirken stämmig und bodenständig. Auf der Vernissage präsentierte er zum Beispiel seinen „Werwidder“, der je nach Betrachtungswinkel entweder einen Widder oder einen heulenden Wolf darstellt.

Auch der „Eulenabdruck“ stellt ein besonderes Spiel zwischen innen und außen dar. Im Inneren zeigt die Skulptur das Gefiederbild einer Schneeeule, außen der raue Schutz, der gleichzeitig den Vogel von hinten abbildet.

Insgesamt kann man die Kunst Sergej Winters so beschreiben, dass der lange währende Prozess des Verfalls in der Natur in einem bestimmten Moment angehalten wird und durch künstlerische Bearbeitung transformiert worden ist.

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