Ungewöhnliche Perspektiven im Idsteiner „SPEICHER“

Von Marion Diefenbach IDSTEIN - Nicht nur Glas, Eis und Wasser eignen sich dazu, durch Spiegelung und Überblendung in „bewegten Bildern“ neue Sichtweisen der Realität zu vermitteln – auch die Zeit lässt sich „spiegeln“. Das zeigt Brigitte Pega eindrücklich mit sieben Fototafeln, auf denen sie unter dem gemeinsamen Titel „Zeitspiegelungen“ im Februar 2013 eine Woche lang Bilder aus den Abendnachrichten im Fernsehen aufgenommen und zusammengestellt hat. Bewegung, Farben, Dynamik, Babys und Alte, Staatspolitiker und Sänger, Sport und Krimi, Märkte und Schneelandschaften, Menschen mit Atemmaske und Höfl-Riesch mit Milka-Mütze – die Kombination der vielen chronologisch neben- und untereinander platzierten Bilder entwickelt selbst statisch ungeheure Wucht und weckt Tausende Assoziationen beim Betrachter; die Wirkung lässt ahnen, welche Reizüberflutung das Fernsehen schlechthin darstellen muss. Und schon ein Jahr später ist alles Geschichte. Sehr viel ruhiger und wunderbar ästhetisch sind die Fotos „natürlicher“ Kompositionen, die teilweise stark der Malerei ähneln und nur für einen Augenblick – den die Fotografin mit viel Geschick erwischt – surreale und abstrakte Szenen abbilden. So hat Pega in drei „Eisdisco“-Fotos das bunte Discolicht auf dem Eis festgehalten, das sehr schnell seine Farbe wechselt und ständig „weiterläuft“. In „Meer“ ist ein kleines Stück Strand zu sehen, das zwischen Sanderhöhungen in den Wasserfurchen die dunklen Silhouetten von zwei Menschen erkennbar werden lässt. „Chiemsee 1+2“ zeigen in Spiegelbildfotos eine Kaimauer und ein Fischernetz, beides leicht verzerrt durch die Bewegung der Wasseroberfläche – ein fein beobachteter und ins Bild gebannter Moment, der überrascht, weil man ihn selbst vermutlich übersehen hätte. Fast noch schöner: „Irland“. Tiefdunkles Blau im unteren Teil kontrastiert mit der gespiegelten Häuserbeleuchtung im oberen; ohne Erläuterung ist kaum erkennbar, welche Objekte zu sehen sind. Aber das ist auch nicht wichtig. Die malerischen Farbübergänge, die Farbtiefe und die Komposition von fast schon musikalischer Schönheit prägen sich sofort ein, denn solche Anblicke sind selten. Surreale Überblendungen Gleichzeitig erstaunlich und befremdend sind einige der Glasscheibenfotos: „Zipfelmütze“ zeigt eine Schaufensterpuppe, die durch Überblendung im Fensterglas ein Gebäude hinter sich hat und deren Mütze durch den eingefangenen Lichteinfall teilweise hell zu leuchten scheint. Zart durchschimmernde Häuser im Hintergrund, zerteilt durch anscheinend sehr massive, dunkle Schrägleisten: Ungewohnte Blicke durch ein „Kirchenfenster“, die nachdenklich stimmen. „Das Herausreißen der Dinge aus ihrem Zusammenhang, um sie neu zu sehen, das ist mein Anliegen“, sagt die Wiesbadener Diplomdesignerin, die zeitgleich mit ihrer Vernissage auch ihren Geburtstag mit den zahlreichen Besuchern im „Speicher“ feierte. Die Fotoserie ist dort bis zum 4. Mai zu sehen, und ein Besuch dürfte in jedem Fall Lust auf neue Perspektiven auslösen.

Brigitte Pega mit Ihrem „Werkzeug“ im SPEICHER

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