Kleine Fluchten -Straßenfotografie von Reinhard Friedrich

Aus der Idsteiner Zeitung von Susanne Gross : Rom ohne Spanische Treppe? Keine Spur der Rialto-Brücke in Venedig? Aufnahmen von Barcelona ohne Gaudi zu huldigen? Europäische Metropolen ohne touristische Highlights? Reinhard Friedrich beschreitet einen anderen Weg in seinen Bildern, aufgenommen in europäischen Städten. In der Ausstellung „Kleine Fluchten“ im Idsteiner Kulturforum Speicher präsentiert der Fotograf über 30 schwarz-weiße Straßenszenen: Seine persönlichen Reiseerinnerungen an Städtetouren innerhalb der letzten zehn Jahre.

Selbstfotografie

Reinhard Friedrich setzt dabei auf die atmosphärisch Dichte des jeweiligen Moments. Stets gibt er seinem persönlichen Eindruck den Vorrang vor typischen Touristen-Highlights. Sein Kaleidoskop an Eindrücken wirkt einerseits fast beiläufig und authentisch, zeigt sich andererseits komponiert und mit Sinn für Raumaufteilung und die Wirkung von Licht und Schatten. Komplexe Bildmotive wechseln mit rhythmischen Kompositionen: Eine belebte Straßenszene in Dublin steht gleichberechtigt neben einem verwaisten Straßenzug in Mailand.
Seine Straßenfotografie im weitesten Sinn umfasst belebte Plätze in Barcelona ebenso wie Passanten und einen Straßenmusikanten in einer Einkaufsstraße von Dublin. Sein Blick auf die Wasserstraßen in Venedig, die Grachten von Amsterdam oder das Meer vor Cadiz beziehen Wasserstraßen als Lebensraum außerhalb des Häuslichen mit ein.
Nächtlichen Aufnahmen oder Tageslicht: Oft wirkt die Lichtquelle als einer der entscheidenden Aspekte in der Komposition des Fotografen. Je nach Witterung und Tageszeit reicht die Palette von scharfen Schlagschatten und präziser Ausleuchtung bis hin zu körniger Bildstruktur, die Dunst oder nächtliche Feuchtigkeit einfängt.
Beständigkeit und Bewegung, die Wirkung von Licht und Schatten greift Reinhard Friedrich bei einem Bild aus dem Jahr 2009 auf. Die Fotografie ist in Sevilla entstanden. Das Bild zeigt die Front einer Bar. „Tintoretto“ ist über dem Eingangsbereich zu lesen. Der Schriftzug ist erleuchtet und dient gleichzeitig als Lichtquelle für die Fotografie. Im Bildvordergrund bewegen sich Menschen als schwarze Schemen durch die sie dunkel umhüllende Nacht. So stehen die scharfen Begrenzungen des Schriftzuges den verschwommenen Konturen der Menschen gegenüber. Hell und dunkel kontrastieren in der Aufnahme. Die undurchdringliche Tiefe des Bildhintergrundes steht gegen die Zivilisation im Vordergrund.
Eine Besonderheit stellt das indirekte Selbstportrait des Fotograf dar. Reinhard Friedrich lichtet sich selbst durch ein Schaufenster hindurch in den Spiegel der Auslage ab. In dieser Aufnahme verschmelzen unterschiedlichste Ebenen miteinander: Die Auslage der Schaufensterscheibe wird durchdrungen von der Spiegelung der Häuserfront. Gleichzeitig erscheinen ein Teil der Fassade und ein parkendes Auto im Spiegel. Wie ein Sinnbild für die Ausstellung wirken diese unterschiedlichen Dimensionen: Straßenszenen von reduziert bis belebt, Tag und Nacht umfassend, teils beiläufig, teils fokussiert.
Die Ausstellung „Kleine Fluchten“ ist bis zum 6. Mai im Idsteiner Kulturforum Speicher, Borngasse 23 zu sehen. Öffnungszeiten: Samstag und Sonntag 11 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.




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