„Auch nur ein Mann !“ Frau v. Wolzogen über Schiller

„Was für ein Theater mit Schiller“ hieß es am Sonntagabend im Idsteiner Kulturforum Speicher. Die Schauspielerin Gertrud Gilbert aus Bad Nauheim schlüpfte für das Idsteiner Publikum in die Rolle der Caroline von Wolzogen. Als Schillers vielgeliebte Schwägerin präsentierte Gilbert den Besuchern eine Gegenüberstellung: Hier ihre Schiller überhöhende Biografie, dort Erinnerungen an Schiller als exzentrischen Mann mit allerlei Liebschaften

Die Schauspielerin G.Gilbert als Fau v. Wolzogen

Gertrud Gilbert nutzt bereits den Weg zur Bühne für ihre Schauspielkunst: Lesend, ein Selbstgespräch führend, tritt sie vor das Publikum. Zwei kleine Tischchen, eine brennende Kerze, Federkiel und ein Paravent mit Portraits stellen die Atmosphäre jener Schreibstube nach, in der sie ihre Hommage an Schiller vollendet hat. “Was hab ich für Dich gelogen. Nur dem Gesetz des Geistes sollte meine Biografie untergeordnet sein. Edel sollten Deine Motive sein - schon von Jugend an“, verkündet die Schauspielerin.

Gertrud Gilbert spielt intensiv. Sie legt die Rolle der Caroline von Wolzogen widersprüchlich an: Schwankend zwischen dem Ärger über Schillers Liebschaften, sich ereifernd über seine Amouren zu Schauspielerinnen und neidisch auf Charlotte von Kalb „Deiner Kardinalfreundin in Mannheim“. Dann wieder zeigt sie sich privat und vertraulich, verniedlicht ihren geliebten Schiller zum „Lausejungen“. Gilbert stellt sich vor dem Paravent, erhebt das Glas auf Schiller, setzt sich an den Schreibtisch und blättert in Manuskriptseiten, nimmt Bücher zur Hand, greift nach Briefen.

Ihr Wechselspiel auf emotionaler wie inhaltlicher Ebene charakterisiert die fast neunzigminütige Vorstellung. Gilbert stellt Carolines verklärte Liebe, die sie in ihrer veredelten Biografie zu Papier gebracht hat, Momenten voller Wehmut, Trauer und Wut gegenüber. Das ganze arrangiert als Mosaik aus Briefen, Zitaten aus Texten wie „Kabale und Liebe“, Erinnerungen und aktuellen Kommentaren.

Im ersten Teil steht die Auseinandersetzung mit den Liebschaften Schillers im Mittelpunkt. Gertrud Gilbert zitiert aus dem von ihr verfassten „Leporello Amoroso - siebzehn Seiten Weibergeschichten“. Als Caroline von Wolzogen beklagt sie sich: „Nie habe ich ein Gedicht von Dir bekommen“ und wertet Schillers Liebesbriefen an Laura ab „Das ist ja Schwulst hoch drei“ und „Ach, das sind nur poetische Fingerübungen“.

Nach der Pause widmet sich Gertrud Gilbert der Liebesgeschichte zwischen Caroline von Wolzogen und Schiller. Die Schauspielerin zeichnet wesentliche Stationen nach. „Ein staksiger, hohlwangiger, x-beiniger Mann mit herausragender Adlernase“, ist ihr aus der ersten Begegnung im Winter 1787 in Erinnerung geblieben. Sie resümiert über ihren diplomatischen Schachzug, Schiller mit ihrer jüngeren Schwester Charlotte zu verheiraten, um ihm nahe bleiben zu können und gedenkt ihrer Hochzeit mit Wilhelm von Wolzogen und Schillers Tod.

Gertrud Gilbert verkörpert Caroline von Wolzogen mit hoher Identifikation, insbesondere deren Auseinandersetzung zwischen ihrer überhöhten Liebe zu Schiller und dem Eingeständnis, dass der Dichter auch nur ein Mann war.

Susanne Gross

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