„Fenster zur geistigen Kraft“ aus der Idsteiner Zeitung

„Malerei ist geronnener Geist“, formuliert Christiane El Amir. „Meine Bilder sind Fenster zu einer geistigen Kraft und spiegeln den Dialog zwischen der geistigen Welt und der so genannten realen Welt“, bekennt die Malerin. Die in Lenzhahn lebende Künstlerin stellt im Idsteiner Kulturforum Speicher sechsundzwanzig ihrer Arbeiten unter dem Titel „Sichtbare Visionen“ aus. Begehbare Visionen, denn Christiane El Amir lädt die Besucher dazu ein, in ihren Bilderlandschaften spazieren zu gehen und von dem ihnen innewohnenden Geist berührt zu werden. Die Acrylbilder, Bleistiftzeichnungen und Aquarelle aus den Jahren 1977 bis zur Gegenwart zeigen Ausschnitte aus ihrem ganz eigenen Kosmos: Farbenfrohe und mystische Naturlandschaften, detailreich und jenseits der Zeit. Vielfach tauchen Frauen darin auf, die in ihrer Gestalt eine Göttin, eine Seelenfrau oder Urmutter verkörpern.

Urlandschaft

Markant ist bei ihren Acryl-Arbeiten die Freude an der Farbe und der aufscheinende Dialog mit einer anderen Dimension: Einem Raum jenseits der von uns real erfahrbaren und uns umgebenden Welt. Christiane El Amir integriert symbolhafte Elemente wie Kreise, Spiralen, Mondsichel oder Mandalas in die Naturlandschaften.

Im Acrylbild „Winterhauch“ gestaltet sie den Einzug des Winters in eine noch bunte Spätsommerlandschaft. Üppig blühende Blumen, rot und gelb geflammt, begrenzen die untere Bildhälfte. Den oberen Bereich füllt ein noch grün belaubter Baum aus. Nur einzelne Blätter weisen schon die typische Herbstfärbung von rot und gelb auf und korrespondieren mit den Blumen am unteren Bildrand. In das Blau der Bildmitte stürmt von links her eine weiße windige Spirale, deren Schweif aus Eiskristallen den Winter bringt. Vor sich her bläst die Böe ein einzelnes rotes Blatt.

Die Frauenfiguren von Christiane El Amir sind gleichermaßen präsent wie meditativ, hingebungsvoll und eingebunden in die kosmischen Zusammenhänge. Im Bild „In Blättern“ aus dem Jahr 2011 sitzt eine weibliche Figur inmitten einer urwaldähnlichen Landschaft. Sie hat sich im Schneidersitz auf dem Waldboden niedergelassen. Bekleidet ist die Frau lediglich mit einem gelben Lendenschurz. Ihren Körper schmücken Blätter, als ob sie dabei ist, mit dem Naturkosmos zu verschmelzen. Vor ihrer Brust ist eine weiße Taube. Auch dies ein Symbol für die friedliche Beziehung zwischen Mensch und Natur im weitesten Sinn. Die Frau verharrt in einer meditativen Körperhaltung, passt sich in ihre Umgebung friedvoll ein, wohl wissend, dass sie einem ewigen Kreislauf entstammt und wieder dahin eingehen wird.

In Christiane El Amirs feinen Bleistiftzeichnungen zeigt sich schon früh ihr Talent und ihre individuelle Reaktion auf die reale Welt. In ihrem Werk „Musikstück mit Tuba, Bratsche und Flöte“ aus dem Jahr 1977 gestaltet sie einen Kopf als Windhose. Das Halbprofil türmt sich aus dem Meer heraus hinter einem kleinen Segelschiff auf. Markant ist die Gestaltung von Gesicht und Haaren: Ein Antlitz mit Lippen, Nase und Auge, doch im wilden, verschlungenen Haar winden sich ein Saiteninstrument, der Kopf einer außerirdisch wirkenden Person, ein Auge.
Sichtbare Visionen: Faszinierend und rätselhaft, symbolisch und konkret.

Susanne Gross

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