„Ein Koffer voller Inspirationen“ aus der Idsteiner Zeitung

Ein Koffer mit Fotos, Briefen und Familienstamm­büchern – weitergereicht von der Mutter an die Tochter - diente ihr als Inspirationsquelle: Traudel Collet stellt unter dem Titel „Rekonstruktion – Eine Spurensuche“ Acrylgemälde und Collagen im Idsteiner Kulturforum Speicher aus. Die in Aarbergen-Daisbach lebende Künstlerin präsentiert sechsundzwanzig Arbeiten, die sich mit den Thematiken Vergänglichkeit, Erinnerungen und der Zeitgeschichte auseinandersetzen. Dabei folgt sie in ihren Werken den Spuren der mütterlichen Linie. Den erweiterten Personenkreis um die Großmutter bis hin zur eigenen Tochter zeigt sie in Bezug zueinander oder stellt die vier Frauen in den Lebenszusammen­hängen der jeweiligen Epoche dar.

Hochzeit

„Für mich ging es bei diesen Werken um die Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Familie. Dabei entwickelte sich die Arbeit als ein großes Stück Vergangenheitsbewältigung“, erklärt Traudel Collet und ergänzt: „Ich zeige ein Panorama, zu dem ich gehöre. Dennoch haben alle Personen ein eigenes Schicksal“.

So reichen die Bilder zurück bis in die Anfangszeiten des letzen Jahrhunderts, machen Station im zweiten Weltkrieg und werfen mit dem „Zukunft“ betitelten Portrait der eigenen Tochter einen Blick nach vorne.

Im Eingangsbereich empfängt ein Bild des bedeutsamen Koffers den Betrachter: „Der Koffer und seine Schätze“ erinnert im Stil an René Magritte. Aus dem in ocker, beigen und braun gestalteten Malgrund hebt sich der Koffer einzig durch seine roten Konturen ab. Statt Juwelen oder Gold lugen aus dem geöffneten Gepäckstück Papiere hervor. Traudel Collet greift dieses Motiv auf allen drei Etagen der Ausstellungsfläche wieder auf. Immer deutlicher und präsenter gestaltet sie den Koffer, dessen Inhalt im Verlauf ihrer Arbeit mehr und mehr an Bedeutung gewann.

Generell spielt Traudel Collet mit Präsenz und Verschwinden. So präsentiert sie im Bild „Urgroßvater“ einen Mann mit strengen Gesichtszügen, mit Hut, Gehrock und hoch stehendem Hemdkragen. Er wird begleitet von einer Frau im zeitgenössischen Kostüm. Während die Gesichtszüge der Personen noch Individualität und Präzision aufweisen, verlieren sich ihre Konturen zu den Oberschenkeln und Beinen hin, werden zu Individuen, die schon ein wenig verschwunden sind.

Ihre Mutter und Großmutter sowie die eigene Tochter präsentiert Traudel Collet besonders eindrucksvoll in der Arbeit „Vier Generationen“. Von rechts oben nach links unten und zur Bildmitte hat die Malerin die Köpfe der vier Frauen in zwei aufeinander bezogenen Diagonalen arrangiert. Im Verlauf folgt die Jugend dem Alter. Damit korrespondiert die sensible Wahl der Farben: Während das Gesicht der Großmutter schon fast im Dunkeln verschwindet, werden die Gesichter bis zur Tochter immer heller und präsenter.

Das Bild „Zukunft“ weißt mit dem Portrait der Tochter über die Gegenwart hinaus. Die junge Frau blickt mit klarem Blick nach links obern. Ihr Gesichtsausdruck ist offen, bestimmt und präsent. Doch der vielfarbig angelegte Hintergrund durchdringt den Oberkörper der jungen Frau, gleich einem Sinnbild dafür, dass das Schicksal auch dieses Leben durchdringen wird.

In ihren Collagen „Oma“ und „Mutter“ verwendet Traudel Collet Originalbilder und Dokumente, etwa Tagebuchnotizen und Zeitungsausschnitte der Aachener Nachrichten und verschmilzt diese zu einer Einheit.

Obschon die Ausstellung sehr persönlich angelegt ist, eröffnet sie den Besuchern die Möglichkeit, sich mit grundsätzlichen Fragen nach dem Vergehen der Zeit und dem Überdauern von Erinnerungen zu beschäftigen.

Die Ausstellung dauert bis zum 22. Mai. Öffnungszeiten: Samstag und Sonntag von 11 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Am 14. und 15. Mai können Interessierte unter Anleitung von Traudel Collet eigene alte Familienfotos in zeitgemäße Malerei umsetzen oder farblich gestalten. Kursdauer: Jeweils von 14.30 bis 17.30 Uhr. Preis: 50,00 €. Information unter 06120-904710 oder traudel.collet@gmx.de sowie unter www.speicher-idstein.de.

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