Wiebadener Tagblatt vom 25.10.2007

Wo der Kater um die Kunst schleicht

Von Anja Baumgart-Pietsch

Im sonnigen, von Kapuzinerkresse bewachsenen Innenhof unter einem reich blühenden Trompetenbaum setze ich mich auf einen Stuhl und genieße einfach: Katzenschleichen vorbei, von ferne schlägt die Kirchturmuhr - ein Idyll.
Als Reike Veldman eintrifft und die Geschichte dieses Hauses erzählt, ist dabei aber nicht nur Sonniges zu berichten. Um so staunenswerter ist es, dass die 66-Jährige hier in der Idsteiner Altstadt dieses Kleinod für Kunst und Kultur herrichten konnte, in dem sie sich mit Kater "Monpetit" so richtig wohlfühlen und dabei noch einen Lebenstraum verwirklichen konnte.

Das historische Fachwerkhaus, bis in die fünfziger Jahre eine Brauerei, hatte sie früher vermietet, die Scheune, die heute als Ausstellungsraum und Treffpunkt dient, war noch nicht restauriert.

Als das Haus 1999 abbrannte, hätten viele es aufgegeben. Nicht Reike Veldman, die das ehemalige Brauhaus mit ihrer Tochter Antje, einer Architektin, restaurierte, selbst ins Vorderhaus einzog, das nun zusätzlich eine Ferienwohnung birgt, und die Scheune herrichten ließ, um sich ihrem Faible für die Kunst zu widmen.
Sie malt selbst, stellt auch Skulpturen her. Und die Künstler, die ihre Arbeiten im von ihr "Speicher" getauften Raum zeigen, sind von ihr handverlesen.

Zum Zeitpunkt meines Besuches sind Steinskulpturen von Rene Kreuzer und Zeichnungen von Sebastian Entstrasser zu sehen, als nächstes haben sich Rose-Barbara Münch und Brigitte Pega mit "Neuen Blättern" für den November angekündigt.
An fast jedem Wochenende ist hier etwas los.
Wenn gerade keine Kunstausstellung gezeigt wird, finden Seminare und Workshops statt - Ikebana, Kalligraphie oder Yoga zum Beispiel.
Es gastieren Kleinkünstler und Musiker, Literaten und Chansonniers, die auch den Innenhof mit nutzen können. Bühnenelemente, Bänke und Tische hat Reike Veldman ebenfalls angeschafft und bietet den Künstlern auf diese Weise auch die nötige Infrastruktur.
"Man lernt so viele interessante Menschen kennen", begeistert sich die agile ehemalige Lehrerin.

Sie arbeitet mit dem Idsteiner Kulturring eng zusammen, singt in der Idsteiner Kantorei und findet es wichtig, auch in einer kleinen Stadt kulturelle Angebote zu bieten und zu nutzen.
"Speicher" übrigens hat sie mit Bedacht als Namen gewählt. "Auf dem Speicher wurden die wichtigen Vorräte für den Winter gelagert - Nahrung, nicht nur für den Körper, auch für die Seele, das soll dieser Speicher sein.
Das Wort Speicher wird auch in der Computer- und Chipbranche vielfältig genutzt. Die Speicher bewahrt auch hier ein Menge an wertvollen Daten auf.
Letztendlich gilt das Wort auch für unser Gehirn. Wir speichern die Eindrücke über unsere Sinne in der Kornkammer unseres Lebensgedächtnisses", beschreibt sie die Hintergründe ihrer Namenswahl.
Das Logo hat sie übrigens von den kleinen, unregelmäßigen Fenstern abgeleitet, es taucht auf Plakaten, Visitenkarten und ihrer Webseite auf.

Das Fachwerk der Scheune ist ein besonderes - "Hänge-Sprengwerk" nennt sich die Konstruktion, die denkmalschutzgerecht restauriert wurde und dem Raum seinen speziellen Charakter gibt.
Zu Gast waren im Laufe der beiden Jahre, die es den "Speicher" gibt, schon viele Künstler.
Zum Beispiel Wolfram Diehl mit Skulpturen und Hans-Dieter Schreeb mit einer Lesung aus seinen Büchern. "Ich bin offen für alle Ideen", sagt Reike Veldman, die ihren "Speicher" als einen Raum für Kunst und Kultur versteht.

Im Innenhof des Speichers

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